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Menschlichkeit statt Härte

Die olympischen Winterspiele in Italien sind ...
Olympischeringe
Datum:
26. Feb. 2026
Von:
Hildegard Cremer,  Mitglied im Katholikenrat des Bistums Trier

... Geschichte. Ich habe mir nicht besonders viele Übertragungen im Fernsehen angeschaut, aber manche Bilder haben mich bewegt und sich im Gedächtnis festgesetzt. Eine Athletin kommt ins Ziel, schaut auf die Anzeigentafel – und bricht in Tränen aus. Kein Jubel, keine Medaille, sondern Enttäuschung. Vier Jahre Vorbereitung, unzählige Trainingsstunden, Hoffnungen und Erwartungen, scheinbar alles umsonst. Während einige noch mitfühlen, beginnen anderswo bereits die Bewertungen: zu langsam, zu nervös, dem Druck nicht standgehalten. Erfolg wird gefeiert, Scheitern kommentiert.
Beim Zuschauen habe ich mich gefragt: Wie oft gehen wir eigentlich selbst so miteinander um? Und wie oft auch mit uns selbst?
Diese Härte begegnet uns im Alltag überall. Im Beruf zählen Ergebnisse, in Beziehungen Erwartungen, im Ehrenamt Engagement. Und wenn etwas nicht gelingt, ist das Urteil oft schnell gesprochen: selbst schuld, nicht genug Einsatz, falsche Entscheidung. Manchmal sprechen wir es aus, manchmal bleibt es nur ein Gedanke – aber er wirkt trotzdem.
Ich merke auch bei mir selbst, wie leicht es ist, die eigenen Fehler strenger zu bewerten als die Erfolge. Fehler bleiben haften, während Gelungenes schnell selbstverständlich wird. Viele Menschen stehen unter dem Druck immer funktionieren zu müssen. Schwächen zeigen? Lieber nicht. Also besser einen inneren Panzer wachsen lassen, der vor Enttäuschung schützen soll. Doch dieser Schutz hat eine Kehrseite: Er schafft auch Abstand, zu anderen Menschen und manchmal sogar zu uns selbst.
Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche steht unter dem Motto „Mit Gefühl! Sieben Wochen ohne Härte!“ Dieses Motto hat mich angesprochen, weil es einen ungewohnten Gedanken in den Mittelpunkt stellt: Vielleicht brauchen wir nicht mehr Disziplin oder strengere Maßstäbe, sondern vielmehr eine neue Haltung. Weniger schnelle Urteile. Mehr Geduld. Mehr Nachsicht – mit anderen und mit sich selbst.
Fasten bedeutet dann nicht nur Verzicht, sondern innezuhalten, bevor wir bewerten. Noch einmal hinzusehen. Zu fragen, was hinter einer Leistung, einem Fehler oder einer Enttäuschung steht. Kein Mensch ist nur das Ergebnis eines einzelnen Moments.
Der christliche Glaube erinnert daran, dass Gott anders auf uns schaut. Den Menschen nicht nach Punkten oder mit der Stoppuhr bewertet. Nicht Perfektion entscheidet über unseren Wert, sondern die Zusage angenommen und geliebt zu sein – mit Stärken und Schwächen. Dieser Gedanke kann befreiend sein in einer Zeit und Welt, die oft Härte belohnt und Fehler kaum verzeiht. Vielleicht können wir die Fastenzeit als Experiment nutzen. Was verändert sich, wenn nicht Härte das letzte Wort hat, sondern Menschlichkeit? Manchmal beginnt Veränderung ganz leise – mit einem freundlichen Blick auf andere. Und auf uns selbst.